Montag, 18. März 2013

Das war der 12. wegmarken.salon mit Maria Haderer und Claudia Pallasser

In der ruhigen Atmosphäre des Weinarchivs des arthotel blaue gans trafen wir Maria Haderer, Betreiberin des mobilen Pflegedienstes kiju und Claudia Pallasser, Geschäftsführerin der Salzburger ClownDoctors, zum Frühstück und zu Gesprächen über Leben und Sterben, das Privileg, helfen zu dürfen und die ganz großen kleinen Erfolge. 


Maria Haderer

 

Maria Haderer
Ich bin wieder zurückgekehrt an meine Wurzeln, zur Kinderkrankenpflege. Ich arbeite jetzt als Selbstständige im häuslichen Umfeld, direkt mit Familien, mit den Kindern und auch mit deren Eltern.

Meine Arbeit reicht von der Betreuung schwerstbehinderter, schwerkranker und sterbender Kinder bis zur Begleitung von sozial beeinträchtigten Familien. Bei letzterem geht es darum, die Familiensituation zu stabilisieren. Es geht darum, junge Mütter (Eltern), die mitunter auch psychiatrisch behandelt werden und Kinder bekommen, in ihrem sozialen Umfeld zu betreuen, und in diesem Umfeld zu schauen, ob sie in der Lage sind, ihre Kinder daheim großzuziehen.

Meine Arbeit sehe ich zum Teil auch sehr spirituell.  Man kommt mit Grenzbereichen in Berührung, gerade, wenn man Sterbebegleitung macht. Ist der Mensch doch mehr, als die Summe seiner Teile, gibt es so etwas wie eine Seele?


Ich habe da Erlebnisse gehabt, die Wegmarken waren in meiner Arbeit, die mich auch zutiefst berührt haben.

Da war ein zwölfjähriges Mädchen, das hat mit sechs Jahren Enzephalitis gehabt, die sein Großhirn zersetzt hat.  Man hat auch im CT gesehen, dass kein Großhirn mehr vorhanden war. Sie hat nicht sterben können, weil der Vater sie nicht gehen hat lassen. Sie hat so ums Leben gekämpft. Und ich hab dann einmal mit ihr gesprochen, in einem Moment, wo alle darauf vorbereitet waren, dass sie sterben wird. Und hab zu ihr gesagt, schau, der Papa wird Unterstützung kriegen, da werden andere Menschen für ihn da sein und dann hat sie zu weinen angefangen, ihr sind die Tränen gekommen. Ein Neurologe wird schwer erklären können, warum ein Kind, das keine Großhirnmasse hat, Emotionen zeigt, wie ein Kind ohne Großhirn weinen kann.
 
Oder da war etwa ein kleiner Bub, der ist ohne Großhirn auf die Welt gekommen und im 7. Monat war er dann sterbend. Er ist vorher schon drei oder viermal reanimiert worden und hat bis zum 7. Monat überlebt. Das ist halt die Medizin, man kann das natürlich ethisch in Frage stellen. Die Eltern haben dieses Kind nicht gehen lassen können, weil er nach wie vor sein Flascherl und seine Medizin bekommen hat. Ich bin da in eine Situation gekommen, da hat mich dieser Bub, der eigentlich gar nicht kognitiv fähig war, Kontakt aufzunehmen, angeschaut mit zwei großen Augen und es war wie, wenn er gesagt hätte, „mach doch endlich, dass sie mich in Ruhe lassen, dass ich gehen kann!“. Das war für mich so ein berührendes Erlebnis, ich hab mich damals einfach auf dem Absatz umgedreht mich in einem anderen Raum auf einen Sessel setzen müssen, weil mich das so betroffen gemacht hat.


Moderator Franz Wührer mit Claudia Pallasser und Maria Haderer
Und je mehr man solche Begleitungen macht, desto mehr beschäftigt man sich auch mit Spiritualität. Und mit dem Thema Seele, ob sie auch unabhängig von diesem schwer erkrankten Körper Zeichen von sich geben kann. Das sind Dinge, die einen auch selbst verändern. Wo man einen anderen Zugang zum eigenen Leben bekommt. Natürlich ist einem die eigene Endlichkeit bewusst. Man muss sich auseinandersetzen mit dem Sterben, weil sonst man diese Arbeit sonst gar nicht machen könnte. Aber, das ist meine Überzeugung, es gibt so etwas wie Seele. Was auch immer das ist, oder wie auch immer die aussieht.

Man muss in dieser Arbeit aber auch sehr unmittelbar sein und sehr direkt, muss aber die Distanz wahren können. Ich glaube, das braucht Berufserfahrung. Das heißt jetzt nicht, dass man nicht auch einmal mitweinen kann, für mich ist es kein Problem, wenn eine Situation sehr berührend oder traurig ist, weil, ich denke mir, da, wo man mit Gefühl dabei ist, da gehört das einfach dazu auch einmal mitzuweinen, aber man muss auf der andren Seite auch der stabilisierende Faktor sein.

Diese Auseinandersetzung hab ich auch aktuell bei einem dreijährigen Buben, der hat über ein Monat gebraucht, bis er mich angenommen hat. Er hat in seinem kurzen Leben schon sehr viele Beziehungsabbrüche erlebt und vor kurzem hat er zu mir gesagt „Maria, bist du Eltern, bist du auch meine Eltern?“ und da muss ich ihm halt klar machen, dass ich das nicht bin. Aber auf der anderen Seite bin ich für ihn auch eine Bezugsperson und ich kann nicht, wenn die Betreuung aus ist, den Kontakt ganz abbrechen. In gewisser Weise kriegt man da auch eine Verantwortung. Ich bin jetzt ein Teil seines stabilen Systems.

Das Thema der Finanzierung ist natürlich in Salzburg ein ganz schwieriges, weil die öffentliche Hand viel zu wenig Geld zur Verfügung stellt. Subventionen sind so gut wie gar nicht vorhanden. Es wäre schön, aber wir kriegen sie nicht. Ich hab etwa die Erfahrung gemacht, dass Familien mit schwerstbehinderten Kindern eigentlich keine Unterstützung bekommen. Die Familien haben nicht die Ressourcen aufzuschreien. Und leider auch keine Lobby.



 

Claudia Pallasser

 

Claudia Pallasser
Es war immer schon mein großer Wunsch, im Gesundheits bzw. Charitybereich zu arbeiten und das Schicksal wollte es so, dass ich das derzeit als Geschäftsführerin der Salzburger ClownDoctors auch umsetzen kann. Ich selbst bin kein ClownDoctor, ich leite mein Team und organisiere alles drum herum, das Administrative, das Fundraising, Supervisionen, die Kontakte zu den Spitälern.

Es ist für mich ein Privileg, helfen zu dürfen. Ich war als Kind schon gerne im Krankenhaus, klingt komisch, ist aber so. Ich wollte gerne Medizin studieren, durfte aber nicht. Diese Leidenschaft ist mir immer aber geblieben, darum habe ich vielleicht auch einen Arzt geheiratet. Jetzt bin ich in einem Bereich, der mir sehr sehr viel Freude macht. Und eigentlich genau das ist, was ich mir immer erträumt habe. Auch wenn viele schwere Momente dabei sind, viele Sorgen und schlaflose Nächte, gerade, wenn es um die Finanzierung geht – denn wir finanzieren die Arbeit in den Spitälern nur durch Spenden! Ich bin ja verantwortlich für mein Team, es sind Existenzen, die da dran hängen.



Der Alltag der ClownDoctors ist nicht immer lustig, obwohl man diese natürlich immer lustig kennt, mit ihrer roten Nase. Wir betreuen alle Kinder- und Jugendabteilungen in den Salzburger Spitälern und mittlerweile auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Clowns gehen paarweise zu den Kindern, meist am Nachmittag, denn da sind sie allein und oft traurig. Die Therapien sind ja am Vormittag. Die Clowns fragen, ob sie in ein Zimmer gehen dürfen und sie gestalten ihre Besuche immer ganz individuell. Deshalb gibt es vorher ein Briefing mit der Station, damit sich die Clowns auf das Kind einstellen können

Die leichtesten Fälle sind natürlich auf der Chirurgie, denn da ist meist eine schnelle Genesung abzusehen. Es gibt aber auch dort schwere Fälle – etwa nach einem Verkehrsunfall oder wenn womöglich Eltern oder Geschwister verstorben sind.

Die Arbeit auf der Kinderonkologie ist eine sehr schöne Arbeit, aber auch eine sehr schwierige, weil dort Kinder sind, die öfters zur Behandlung ins Krankenhaus müssen. Sie sind schwer krank, haben starke Schmerzen, kommen oft von weit her und können deshalb weniger Besuch bekommen.

Ich habe selber schon vieles erlebt, weil ich sehr viel mit den Clowns mitgehe. Die Kinder, das ist unsere Erfahrung, gehen erstaunlich gut mit schwerer Krankheit um, auch wenn sie wissen, dass sie sterben müssen. Letzten Dezember ist leider Viktoria gestorben, die haben wir jetzt neun Jahre lang betreut. Das ist eine lange Zeit und da baut man schon eine Beziehung auf. Die ClownDoctors sind meist mit den Kindern u. Eltern befreundet. Aber auch, wenn man erwartet und weiß dass ein Kind gehen muss, bricht für einen ClownDoctor kurz einmal die Welt zusammen.

Letztes Jahr war da ein Mädchen, das einfach nicht gehen konnte, weil sie noch so viel zu erledigen hatte. Sie wusste, dass es ihren Eltern schlecht geht und sie hat auch selber gesagt, ich gehe erst, wenn es meinen Eltern ein bisschen besser geht. Und das hat sie geschafft. Ihr Wunsch war, dass sie noch einmal die ClownDoctors sehen kann. Und dann war dieser Moment, wo mich die Schwestern angerufen und gesagt haben, wir müssen die ClownDoctors noch einmal holen. Das haben wir natürlich auch gemacht und sie ist friedlich eingeschlafen. Deshalb haben wir jetzt auch einen ClownDoctor-Notruf eingerichtet. Ein sterbendes Kind lassen wir nicht alleine.

Es ist eine wahnsinnig schöne Arbeit. Man sieht, wie sehr die Kinder drauf eingehen und wie sehr sie sich freuen auf den Besuch. Und es entlastet natürlich auch das Pflegepersonal. Die Ärzte sagen immer, die Humortherapie ist eine wertvolle Zusatztherapie.


Claudia Pallasser und Maria Haderer
Und es gibt ganz tolle Reaktionen von den Kindern. Wie etwa bei einem dreijährigen Buben im reKiZ (Neuro Kinder Rehabilitations Zentrum) der kaum Reaktionen zeigte. Die Clowndoctors kamen und haben einfach einmal angefangen zu arbeiten und plötzlich hat dieser Kleine so richtig herzlich zu lachen begonnen. Die Schwestern haben gesagt, sie haben ihn noch nie lachen
gesehen. Er konnte motorisch kaum irgendwas machen, aber als einer unserer ClownDoctors mit seinem kleinen Instrument gekommen ist und man schon gemerkt hat, dass ihn das interessiert, da hat er – was vorher nie möglich war – auf diese Saite von dem Instrument gegriffen u. somit die Feinmotorik angeregt. Das war selbst für den Stationsarzt u. der Therapeutin ein ganz besonderes Ereignis u. das sind die wunderbaren Momente im Leben eines ClownDoctors.


Wir bedanken uns sehr herzlich bei Andreas Gfrerer und dem Team des arthotel blaue gans für die Gastfreundschaft beim 12. wegmarken.salon!


Das Spendenkonto der ClownDoctors lautet auf:
Salzburger Sparkasse
BIC: SBGSAT2S  IBAN: AT86 2040 4000 0006 3305

Maria Haderers mobiler Pflegedienst ist erreichbar unter:
www.kiju-pflege.at

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