Dienstag, 11. Februar 2014

wegmarken.talk: Verein Kinderhände


Das war unser spannender - und bilingualer - wegmarken.talk mit Andrea Rohrauer und Barbara Schuster vom Verein Kinderhände. Mit dabei war Dolmetscherin Katharina Schalber.

 
Barbara Schuster und Andrea Rohrauer sprechen mit den Händen © Verein Kinderhände
Der Verein Kinderhände baut sprachliche Brücken zwischen zwei Welten: die Welt der Gehörlosen und die Welt der Hörenden. Zwei Welten, die viel gemeinsam haben und dennoch meist als getrennt wahrgenommen werden. Die Südtirolerin Barbara Schuster und die Oberösterreicherin Andrea Rohrauer haben sich entschlossen, einen Schritt zu setzen und bilingualen Unterricht anzubieten. Willkommen sind alle: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Hörende, Schwerhörige, Gehörlose…

Gesellschaftlicher Gegenwind und Rückenwind vom Elternhaus
Irgendwo in einem Dorf in Südtirol unterhalten sich zwei Mädchen angeregt am Friedhof. Als jemand vorbeigeht halten sie sofort inne. Sie wollen keine fragenden und keine abfälligen Blicke ernten – und vor allem kein Mitleid. Dass die Gebärdensprache eine ganz normale Sprache mit Regeln und Grammatik ist, erfahren die beiden selbst erst viel später. Eines der Mädchen ist Barbara Schuster, Co-Gründerin und –Leiterin des Vereins Kinderhände. In einer Zeit, in der auch in Österreich die Gebärdensprache noch nicht als offizielle Sprache anerkannt war (in der Verfassung seit 2005), scheuten ihre Eltern keine Mühen, ihr eine Methode zu Kommunikation zu schaffen. Stundenlang saßen sie und ihre ebenfalls gehörlose Schwester mit der Mutter vor selbstgemachten Lehrbüchern und studierten eigene einfache Gebärden. 
 
 „Ich wollte lernen, Matura machen und studieren. Der Direktor meiner Mittelschule meinte zu meiner Mutter damals, ich sei behindert und solle mir keine Hoffnungen machen, ein Gymnasium besuchen zu können. Da war es aus für mich, ich wusste, dass ich aus Südtirol raus musste und erfuhr, dass es in München eine staatlich anerkannte Real- und Fachoberschule für Schwerhörige gab. Das Niveau war sehr hoch, es war schon schwierig, aber es tat sich eine neue Welt für mich auf.“ Auch Jahre später bei der Suche nach einer Akademie wurden Schuster die Türen vor der Nase zugeschlagen,  bis sie schließlich in Innsbruck eine spannende  Grafikausbildung fand. Dort lebte sie einige Jahre, lernte und arbeitete als Grafikerin… doch sie war wieder nur unter Hörenden. „Irgendwann zog es mich wieder in die Ferne, ich bewarb mich in verschiedenen Städten um einen Ausbildung zur Webdesignerin – und landete in Wien.“

Zuerst ahnungslos, dann Botschafterin
Andrea Rohrauer, Mitgründerin von Kinderhände, wächst ebenfalls in einem Dorf auf, allerdings in Oberösterreich. Sie ist hörend und kann sich nicht erinnern, in ihrer Kindheit und Jugend jemals mit Gebärdensprache konfrontiert worden zu sein – abgesehen von der Synchronisation der Sonntags-ZIB, die damals noch im ORF übertragen wurde. Eigentlich wollte Rohrauer Volksschullehrerin werden und ging nach der Matura nach Wien zum Studieren.
„Als ich mit 21 Jahren mit dem Studium fertig war, wusste ich: das kann es nicht sein, dass ich jetzt vierzig Jahre lang als Lehrerin arbeite. Da muss es noch mehr geben.“ 

Sie entscheidet sich damals für einen anstrengenden Weg: ein individuelles Studium, bei dem sie die Fächer Kultur- und Sozialanthropologie, Heil- und Sonderpädagogik mit Spanisch, Türkisch und Gebärdensprache kombiniert. „Sprachen haben mich schon immer interessiert, Gebärdensprache war etwas völlig Neues und Unbekanntes für mich. Nach und nach habe ich mehr über das Leben von Gehörlosen in Österreich erfahren und war überrascht, wie präsent Gebärdensprache doch ist, wenn man hinsieht. Ich habe mich gefühlt wie ein Missionar, klärte ständig alle in meinem Umfeld auf und stieß dabei immer auf das gleiche Unwissen.“ Nach drei Semestern findet Rohrauer heraus, dass es ein Eltern-Kinder-Treffen in einem Gehörlosenverein gibt. Dort lernen sich die beiden Frauen kennen und die gemeinsame Geschichte beginnt.

© Verein Kinderhände

Geburtsstunde: Kinderhände
A.R.: „Zuerst war ich einfach froh, meine neue Sprache üben zu können. Aber schon nach dem ersten oder zweiten Gespräch habe ich bemerkt, dass es nicht darum geht. Es war eine echte Freundschaft die sich da entwickelt hat. Wir haben gemeinsam Kinder unterrichtet und uns danach stundenlang unterhalten, wir haben über Gott und die Welt gebärdet.“

B.S.: „Ja, wir haben zum Beispiel ganz viel über Musik gesprochen. Ich kann mich erinnern, dass wir manchmal bis vier Uhr in der Früh gesessen sind. Wir haben uns über die Welt der Hörenden und die Welt der Gehörlosen unterhalten – Andrea kannte ja auch beide Welten und hat sie auch verstanden – genauso wie umgekehrt.“

Aus der Freundschaft entsteht eine Idee, daraus ein Plan und daraus wiederum im Jahr 2004 der Verein Kinderhände. Die beiden Frauen beschließen, dass sie die Welt der gehörlosen und die Welt der Hörenden verbinden wollen. Damals gibt es kein Angebot an bilingualen Kursen in Wien, doch die Nachfrage ist hoch. Schuster erklärt, wie es zu den Kursen gekommen ist: „Es hat einfach perfekt gepasst. Wir haben alle unsere Vorkenntnisse  - Andrea aus den Bereichen Pädagogik und Sprachen und ich aus den Bereichen Grafik und Unterricht – in einen Topf geworfen und das, was wir machen hat sich daraus ergeben. Alles hat zusammengepasst, wie Puzzleteile. Wir wollten einen Ort schaffen, wo es um die Sprache geht und wo alle willkommen sind. Von Gebärdensprache können alle profitieren: Gehörlose, Hörende, Schwerhörige, Entwicklungsverzögerte, Kinder, Erwachsene, Menschen mit Down-Syndrom, Autisten usw. Wir wollten also einen neutralen Ort bieten, wo das Lernen Spaß macht. Das ist unser Fokus.“

A.R.: „Am Anfang war das natürlich ein Chaos, aber wir haben schnell gelernt. Im ersten Semester gab es einen Kurs, im zweiten schon vier. Die Nachfrage wuchs und wächst ununterbrochen. Ich habe damals noch studiert und teilweise zwischen Uni und U-Bahn noch Telefonberatungsgespräche geführt. Wir haben hunderte Formulare ausgefüllt und Anträge gestellt – aber leider nie eine nennenswerte Förderung erhalten. Zuschüsse und Kurskosten haben nur unsere Kosten gedeckt, aber verdient haben wir dabei nichts. Wir hatten das riesige Glück, noch von unseren Eltern unterstützt zu werden, doch nach dem Studium war das auch vorbei. Also mussten wir das Projekt 2008 stilllegen, es war einfach kein Geld mehr da.“   

© Verein Kinderhände

Neustart, Ausbau, Hoffnung und Hürden
Erst eine private Förderung über einen Zeitraum von drei Jahren macht die Wiederaufnahme der Aktivitäten im Jahr 2010 möglich. Seither hat der Verein Kinderhände eigene Räumlichkeiten angemietet und insgesamt 14 Personen beschäftigt, Lernspiele produziert und das Kursangebot ausgeweitet. Rund ein Drittel der Kursteilnehmer ist Gehörlos, alle anderen sind Familienmitglieder, Freunde, oder einfach andere Interessierte. Die Nachfrage wächst und die Betreiberinnen sprudeln vor Ideen. Wenn die Förderungsperiode heuer ausläuft, stehen Andrea Rohrauer und Barbara Schuster dennoch vor der gleichen Problematik  wie vor acht Jahren. 

Trotz der finanziellen Ungewissheit wahren die beiden ihre Motivation und ihre Ziele. „Mein Ziel ist es, innovativ zu bleiben  und immer neue Ideen zu denken. Dass wir in keinen Alltagstrott verfallen und nicht alt werden“, sagt Rohrauer, lacht und fügt hinzu: „Wir würden gerne auch an anderen Standorten Kurse anbieten, zum Beispiel in Linz. Das hängt aber ganz klar von staatlicher Förderung ab.“ Auch Schuster muss lachen: „Manchmal frage ich mich, ob wir eigentlich ein bisschen blöd sind. Wir arbeiten oft 60 Stunden die Woche, können Kinderhände nur dank unserer anderen Jobs umsetzen und es ist einfach nie genug Geld da. Trotzdem, wir haben unsere Ziele. Wir möchten den Kindern Selbstbewusstsein geben und zeigen, dass sie ihre Sprache wählen können – gebärden und/oder sprechen, wie sie wollen. Hier lernen sie zu gebärden und lernen deutsch – beide Sprachen sind hier gleich wichtig und willkommen. Mein persönlicher Traum ist es, auch in Südtirol und anderen Regionen Italiens eines Tages mit Kinderhände aktiv zu werden und meiner Heimat etwas zurückzugeben.“


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