Dienstag, 14. Juli 2015

wegmarken.talk mit Kati Drescher

Interview und Fotos: Tina Peinhart & Lisa Putz, FH Joanneum, Studiengang Journalismus und PR

Sie führt den biologischen Lebensstil schon seit Jahrzehnten und motiviert ihr Team jeden Tag aufs Neue, Themen aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Als ehemalige Fernsehredakteurin war Kati Drescher maßgeblich am Aufbau des Musiksenders VIVA TV beteiligt. Danach verbrachte sie einige Zeit in New York und war als freie TV-Autorin für die Sender VIVA TV, ARD, MDR und RTL mit Fokus auf die Bereiche Stars & Mode tätig. 

Geschäftsführerin der PR-Agentur sieben&siebzig

 1. Frau Drescher, wir haben aus Ihrer Homepage entnommen, dass Sie Fernsehredeakteurin waren - wie ist es dazu gekommen? Hatten Sie schon als Kind diesen Berufswunsch?
Nein, ich hatte nicht schon von Kind auf den Wunsch, Fernsehredakteurin zu werden. Als sich das entwickelt hat, war ich noch sehr jung. Ich war 20 und habe vor der mündlichen Prüfung des Abiturs im Urlaub jemanden kennengelernt, der für RTL gearbeitet hat. Ich habe mich mit ihm angefreundet und war später bei ihm in Köln. Dort habe ich dann bei RTL jemanden im Flur getroffen, der auf der Suche nach einer Praktikantin war. Ich habe zugesagt und somit war der Praktikantenjob der erste, den ich bei RTL gemacht habe. Und schon nach einem halben Jahr habe ich die Produktion bereits übernommen und selbst geleitet. Später, als mir bewusst wurde, dass ich das, wofür der Sender steht, insgesamt nicht so cool finde, bin ich aber ausgestiegen. Ich wollte eigentlich etwas anderes machen, aber dann kam der Fernsehsender VIVA und hat mich gefragt, ob ich dort arbeiten möchte. Das war ganz am Anfang des TV-Senders, das Team war noch sehr klein. Ich habe den Sender für zwei Jahre mit aufgebaut, und bin für VIVA und andere Fernsehsender nach Amerika gegangen und habe dort eine Weile gearbeitet.

2. Wie würden Sie Ihre Zeit als freie TV-Autorin in New York beschreiben?
Das war insgesamt auf jeden Fall eine sehr, sehr gute Zeit. Musikfernsehen war in der damaligen Zeit eine große Nummer. Es gab nur MTV – weltweit eigentlich. Als deutscher bzw. europäischer Musiksender-Vertreter wurde man dort mit wahnsinnig weiten Armen empfangen. Ich hatte zu Kölner VIVA-Zeiten eine Sendung über Models und bin eben dafür nach New York gegangen. Dort habe ich sehr viele Model-Geschichten gemacht und bekam dadurch auch einen sehr schnellen Einstieg in die spaßige Szenerie. Man muss dazu sagen, dass ich in New York auch viel Spaß gehabt habe – sicherlich mehr, als ich gearbeitet habe. (lacht)

3. Der Sprung von der Fernsehredaktion mit Fokus auf die Bereiche Stars & Mode zur Geschäftsführerin einer PR-Agentur, die ausschließlich für die Biobranche tätig ist, erscheint uns ein großer zu sein. Was hat Sie dazu gebracht, diesen Weg einzuschlagen?
Naja, man springt ja nicht vom einen zum anderen. Das ist definitiv ein langer Weg, den man zurücklegt. Auf diesem Weg habe ich festgestellt, dass mir das eine oder andere besser gefällt und mir manche Dinge weniger gut gefallen. Genauso wie ich nicht weiter bei RTL arbeiten wollte, habe ich festgestellt, dass die Jugendverdummung, zu der VIVA leider relativ schnell herangewachsen ist, auch nicht mehr das Feld ist, in dem ich gerne arbeiten möchte. Danach habe ich für eine gewisse Zeit Filmproduktions- und Regieassistenz gemacht. Die eigentliche Entwicklung fand aber statt, als ich den Vater meiner Tochter kennengelernt habe, der biologisch-dynamischer Landwirt war und auch heute noch ist. Zu der Zeit wurde ich erstmals mit dem Bio-Thema konfrontiert. Als ich dann ein Kind bekam, hatte ich eine noch kritischere Sicht auf die Dinge. Es machte für mich dann viel mehr Sinn, mein Kommunikationspotential - das ich vermutlich schon immer hatte - in einem Feld einzusetzen, wo ich auch das Gefühl habe, dass es positive Effekte hat. Ich habe beispielsweise lange Zeit für eine große Brauerei gearbeitet und mir dort irgendwann auch gedacht, dass ich den Leuten nicht unbedingt immer sagen will, dass sie mehr Bier trinken und sich "abschießen" sollen. Ich habe jetzt zwar auch einen Bier-Kunden, aber dieser vertreibt ein amerikanisches Slow-Food-Bier. Es ist zwar mit Alkohol, aber nicht zum Durstlöschen gedacht.

4. Gab es auch ein ausschlaggebendes Ereignis in Ihrem Leben, das Sie zum Schritt in die Selbstständigkeit geführt hat?
Ein ausschlaggebendes Ereignis gab es nicht. Auch das war, wie gesagt, eine gewisse Entwicklung. Ich wurde allerdings nie gerne beobachtet bei der Arbeit – das ist aber eher eine persönliche Eigenheit. Ich konnte eben nicht so gut arbeiten, wenn andere mir Anweisungen erteilten, vermutlich hat mich das auch in die Selbstständigkeit getrieben.

5. Haben Sie das Gefühl, beruflich angekommen zu sein oder gibt es Stationen und Ziele, die Sie noch erreichen möchten? Ich bin mir sicher, dass ich die richtige berufliche Entwicklung vollzogen habe. Mit den Gesetzen dieser Branche und meines Berufs stelle ich fest, dass ich viel dazu beitragen kann und auch schon beigetragen habe, eine positive Entwicklung zu unterstützen. Es gibt aber natürlich noch zusätzlich Dinge, die ich machen und erreichen möchte. Ich mache zum Beispiel Teppiche - das ist sozusagen mein kleines Neben-Business, das manchmal mehr und manchmal weniger Energie in Anspruch nimmt. Und auch in der Agentur steht man regelmäßig vor Herausforderungen. Es gibt ständig Dinge, die ich noch machen möchte. Aber ich gehe nicht davon aus, dass ich nochmal komplett das Segment bzw. die Branche wechseln werde.

6. Im Rahmen Ihrer Tätigkeiten innerhalb der Agentur haben Sie weitere Projekte wie Marie Meers und den Eco-Showroom ins Leben gerufen. Das klingt nach viel Zeitaufwand. Wie wirkt sich die Liebe zum Job auf Privates aus?
Ich möchte bei meinen Projekten auch noch die Slow-Living-Konferenz anmerken. Das ist eine Konferenz, die wir dieses Jahr zum ersten Mal veranstaltet haben und die es auch im nächsten Jahr wieder geben wird. Man setzt sich mit dem Thema Nachhaltigkeit unter dem Titel Slow Living auseinander. Hintergrund ist, dass der Begriff Nachhaltigkeit mittlerweile schon so ausgefranst und nicht mehr klar definierbar ist, da er in so vielen Facetten genutzt wird. Jetzt zur eigentlichen Frage! (lacht) Natürlich - es ist immer mit Zeitaufwand verbunden, wenn man ein wenig ambitioniert und engagiert ist. Aber ich habe zum Glück auch ein großartiges Team! Wir sind zu acht und ich bin daher mit den ganzen Projekten nicht vollkommen allein. Da kann ich die ganzen Projekte, die ich neben meiner Arbeit habe, schon relativ gut organisieren.

7. Wie sieht ihr Tagesablauf aus?
Ich stehe morgens auf und gehe abends ins Bett - dazwischen passiert ganz viel. (lacht) Ich habe ja eine Tochter und wir leben in Potsdam. Ich habe also relativ viel Reisezeit, die ich Tag für Tag zurücklegen muss. Daher muss mein Tag hier in Berlin gut durchgeplant sein, damit sich auch alles immer unter einen Hut bringen lässt. Ich bin gut organisiert, was das alles sehr erleichtert.

Kati Drescher ist gut organisiert.
 
8. Der wegmarken.blog hat das Ziel, Menschen zu inspirieren und Mut zu geben, genau DER Arbeit nachzugehen, die für sie die richtig ist. Aber wie findet man heraus, was das Richtige für einen ist?
Man muss sicherlich das eine oder andere ausprobieren. Es ist auch immer gut, hohes Engagement in die Sache zu setzen, die man macht. Ob sie am Ende die richtige ist, kann man davor nie sagen. Mir ist es zumindest oft so ergangen, dass ich Dinge gemacht habe, von denen ich anfangs nicht einmal eine Ahnung hatte. Dadurch, dass ich mich dann aber mit den Themen beschäftigt habe und mich mit ihnen identifizieren konnte, ist der Spaß an der Arbeit entstanden. Bei mir ist das generell so: Bei jedem Thema, in das ich mich einlese und einarbeite, finde ich einen Bereich, der mir viel Freude bereitet und darüberhinaus auch Türen und Gedanken zu neuen Dingen eröffnet. Deshalb ist es meiner Meinung nach wichtig, sich innerhalb der Berufswahl, die man getroffen hat, zu engagieren. Ich glaube auch, dass sehr viele Menschen ihre Tätigkeiten nur halbherzig machen, was in weiterer Folge sicherlich nicht zum Erfolg führen kann. Das finde ich sehr schade, denn im Endeffekt sitzt man so in der Arbeit dann nur seine Zeit ab. Und so viel Zeit haben wir eigentlich nicht. Damit meine ich jetzt nicht, dass man innerlich hektisch sein muss - aber das, was macht, sollte man mit größtmöglichen Engagement machen. Nur so kann man hinterher auch entscheiden, ob dieser Job oder diese Tätigkeit etwas für einen ist oder eben nicht.

9. Was hat Sie bei der Gründung Ihres Unternehmen so sicher gemacht, das Richtige gefunden zu haben? Ich habe mich gar nicht so bewusst selbstständig gemacht, das hat sich eher ergeben. Selbstständig gearbeitet habe ich zwar schon immer, aber in die Selbstständigkeit bin ich eigentlich ein wenig hineingeschlittert und danach hineingewachsen. Ich muss ehrlich sagen, dass ich auch heute noch Tag für Tag in das Selbstständig-Sein hineinwachse. Es tauchen jeden Tag Fragen auf, bei denen ich mir denke, dass ich sie als Unternehmerin eigentlich beantworten können sollte, aber ich finde es gar nicht schlimm, wenn man vorher nicht alles weiß. Ich habe auch nie studiert - das ist etwas, das viele Leute glauben: Man muss studiert haben, um gewisse Dinge zu können – wie zum Beispiel sich selbstständig zu machen. Das glaube ich gar nicht, man muss sich nur für die Dinge interessieren. Wenn ich mir Bewerbungen angucke, bemerke ich das auch immer. Lebensläufe und Noten interessieren mich überhaupt nicht. Entscheidungen darüber, wer bei uns arbeitet, treffe ich persönlich. Außerdem bin ich der Meinung, dass jeder auch einmal eine neue Chance benötigt, um sich für etwas engagieren zu können. Noten sind darüber hinaus kein Richtwert und daher total irrelevant. Ich wusste auch erst während meiner Selbstständigkeit, dass ich das Richtige mache. Zum Glück musste ich damals keine finanziellen Mittel aufnehmen, das ist in der Kommunikationsbranche ein enormer Vorteil. Außer einem Büro, das ich mir nach geraumer Zeit anmieten wollte, brauchte ich nur einen Computer und meinen Mund.

10. Wie entstand der Agenturname sieben&siebzig? Das hat mit meinem Geburtstag zu tun - ich bin am 7.7.70 geboren. Wenn man so ein Geburtsdatum hat, hört man als Kind immer: "Oh, was für ein tolles Geburtsdatum". Die Sieben hat daher viel mit mir zu tun und ist noch dazu eine Zahl, die in der Anthroposophie nicht unwichtig ist. Sie ist mit rhythmischen Abläufen in Verbindung zu bringen und eine sehr mystische Zahl. Daher fand ich das ganz passend.

11. Berufliche Umorientierung ist ein heikles Thema. Viele Personen wagen es – vor allem im höheren Alter – nicht mehr, sich beruflich neu zu orientieren. Welchen Ratschlag würden Sie Personen geben, die unzufrieden mit ihrem Job sind?
Man muss davor natürlich herausfinden, was zu einem passt. Vor allem wird man im Alter zunehmend unsicherer. Wenn man dann noch nicht den richtigen Job für sich gefunden hat, ist das natürlich ungünstig. Daher sollte man im besten Fall schon in jungen Jahren viel ausprobieren und so viel Erfahrung wie möglich sammeln - seine Zeit eben nutzen.

12. Sie haben in einem Interview im Online-Magazin makeyourselfmove davon gesprochen, dass bei Ihnen die Motivation am Arbeiten selten verloren geht - welche Faktoren tragen dazu bei, dass man auch nach Jahren noch Spaß an seinem Beruf hat?
Das ist bei mir einfach so. (lacht) Auch wenn ich zu einem „blöden“ Termin gehen muss, habe ich total Bock drauf. Es ist immer etwas anderes, ich mache nie das Gleiche. Ich habe immer mit anderen Kunden zu tun, entwickle neue Ideen zur Kundenpositionierung, überlege, welche Veranstaltungen man organisieren kann und so weiter. Auch die Kunden kommen ständig mit unterschiedlichen Produkten und Zielen: Die einen wollen einen neuen Online-Shop, die anderen wollen sich im Fashionsegment positionieren, obwohl sie in Wirklichkeit Molkereiprodukte anbieten. Es gibt immer wieder neue und spannende Projekte in meinem Beruf. Meist kann man gemeinsam gute Ideen entwickeln und darauf freue ich mich immer wieder. Ich freue mich interessanterweise auch auf jede E-Mail, die ich bekomme, weil ich dann mit einer neuen Fragestellung konfrontiert werde. (lacht)

13. Woran erkennt man, dass man seinen Traumjob gefunden hat?
Wenn man, so wie ich, enormen Spaß an der Arbeit hat. Ich arbeite total gerne!

14. Wie würden Sie folgenden Satz vervollständigen: Ich liebe meinen Job, weil...
…er sehr abwechslungsreich ist. Und er mir darüber hinaus die Möglichkeit bietet, mit meinen Fähigkeiten etwas für die Welt zu tun, ohne Leute auf der Straße zu irgendwelchen Unterschriften für Petitionen oder ähnliches überreden zu müssen. Das ist meine Art, wie ich versuche, etwas für die Welt zu tun - neben anderen Sachen, wie privaten Aktivitäten. Meine Arbeit ist mein positiver Beitrag zur Welt.


Auch Tina Peinhart und Lisa Putz lassen sich vom positiven Beitrag zur Welt motivieren: Lisa Putz sieht ihre persönliche Gemeinsamkeit zur Interviewpartnerin darin, auch den 0815-Aufgaben und Herausforderungen mit Freude zu begegnen. Tina Peinhart hat ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein und fühlt sich von Themen der Nachhaltigkeit angeprochen - so war sie sofort von der Geschichte Dreschers begeistert. Die beiden Studentinnen des Studiengangs Journalismus und PR (FH Joanneum Graz) führten das Interview in Berlin.

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