Donnerstag, 11. Oktober 2012

wegmarken.talk Roland Hitsch



 
Von unten sieht sie ganz klein aus, aber wenn man erst einmal direkt vor ihr steht, merkt der Laie erst, wie groß sie eigentlich ist: die Marienorgel in der Salzburger Franziskanerkirche. Schwindelfrei sollte man beim Aufstieg schon sein, denn zwischen Orgelempore und Kirchenfußboden liegen 10 Meter. Leitern führen im Orgelinneren in einen Wald von mehr ca. 2500 Pfeifen hinauf und der Spieltisch, an dem der Organist seiner Kunst nachgeht, ist sprichwörtlich ein Platz am Abgrund. Während es im Kirchenschiff andächtig zugeht, wird auf der Orgelempore zerlegt, geschraubt, gehämmert, montiert, probiert und gestimmt, denn etwa alle 20 Jahre muss jede Orgel zum „Service“. An diesem, doch recht ungewöhnlichen Arbeitsplatz, treffen wir unseren Gesprächspartner für den 4. wegmarken.talk: Orgelbaumeister Roland Hitsch. Er erzählt von einem manchmal skurrilen Beruf, von wackelnden Kirchenwänden und von Handwerk, das die Jahrhunderte überdauert.





Durch die Musik zum Orgelbau
Als Kind hab ich die üblichen Traumberufe  gehabt, von Feuerwehrmann bis König war alles dabei. Zum Orgelbau gekommen bin ich dann über die Musik. Der erste Gedanke daran ist im Musikunterricht entstanden, als wir im musischen Gymnasium, in Instrumentenkunde, die Orgel durchgenommen haben. Bei den Klangbeispielen hab ich mir gedacht: das ist faszinierend! Also, diese eine Musikstunde war rückblickend wohl eine meiner Wegmarken, auch wenn ich es damals nicht gleich gemerkt habe.
Ich lernte damals Klavierspielen und bin dann aber auf die Orgel umgestiegen. Allerdings wurde relativ schnell klar, dass aus mir kein großer Organist wird. Die Faszination für das Instrument mit seiner Klangvielfalt und Klangfülle ist jedoch geblieben.
Der Grund, warum ich nach der Matura nicht sofort mit dem Orgelbau angefangen habe, war einfach der, dass mir mein damaliger Orgellehrer davon abgeraten hatte, diesen Beruf zu erlernen. Deshalb habe ich gleich nach der Schule den Präsenzdienst abgeleistet und bin anschließend nach Wien gegangen um an der TU Tontechnik zu studieren. Dort merkte ich allerdings sehr schnell, dass das nicht meinen Erwartungen entsprach. Mangels anderer, ernsthafter Berufsideen wollte ich es nun doch mit dem Orgelbauen versuchen. Zufällig bekam ich auch sofort einen Ausbildungsplatz. Seitdem bin ich Orgelbauer, weil mir damals „nichts besseres eingefallen ist“. Allerdings bin ich mir heute, nach bald 23 Jahren im Beruf, sicher, am richtigen Platz zu sein.

Erfüllung ist auch, wenn die Wände wackeln
Jedes Instrument ist eine individuelle Einzelanfertigung, ein Prototyp, speziell auf den jeweiligen Raum angefertigt. Bei größeren, neuen Orgeln kann es auch vorkommen, daß ich mit meinem Mitarbeiter zweieinhalb Jahre bis zur Fertigstellung benötige. Doch erst ganz am Schluss, am letzten Tag der Montage, gibt es Gewißheit, daß all die eigenen technischen und klanglichen Vorstellungen sich auch tatsächlich realisieren ließen. Wenn dem dann so ist, alles wunschgemäß  funktioniert und klingt, oder manches sogar noch besser ist als erhofft, das ist dann durchaus Erfüllung.
Wenn man eine Orgel neu baut, fängt man ja im Prinzip in einer leeren Kirche an und am Schluss, wenn man seine Arbeit abgeschlossen hat, ist der Raum mit Wohlklang gefüllt, wackeln sinngemäß die Wände. Vom optischen Entwurf des Gehäuses, über die zahllosen  Statik-, Mechanik- und Windberechnungen, das theoretische Festlegen der Klanggestalt, sowie der handwerklichen Umsetzung all dessen, hat man alles selbst gemacht.  Das ist schon etwas Erfüllendes.
Doch auch bei alten Instrumenten, wo man sieht daß sich andere vor 100 oder 200 Jahren handwerklich, klanglich, künstlerisch wirklich ins Zeug gelegt haben, gibt es diese Erfüllung, wenn man an solchen Instrumenten arbeiten darf, sie originalgetreu restaurieren und so diese Qualitäten für die Nachwelt erhalten kann.

Kirche als Arbeitsplatz
Mit den Räumen, in denen wir als Orgelbauer arbeiten dürfen, sind wir eigentlich privilegiert. Das ist natürlich ein Umfeld, wie es sonst beim Arbeiten wohl kaum jemand hat, vor allem nicht über so lange Zeiträume. Man kriegt in dieser Zeit viel von der Ausstrahlung der unterschiedlichen Räume mit.   Es ist jedenfalls schön, in so einem Umfeld zu arbeiten und auch einen Teil zu dieser Wirkung beitragen zu dürfen. 

 

Das ist manchmal schon etwas lustig, wenn man erzählt, in welchen zeitlichen Dimensionen man als Orgelbauer plant und handelt– in unserer schnelllebigen Zeit sicher eine Skurrilität. - Roland Hitsch



Arbeit für die Ewigkeit
Es ist schon ein skurriles Charakteristikum unseres Berufes, dass es ganz wenige Berufe oder Arbeiten gibt, die wirklich so langfristig angelegt sind, wie bei Orgeln.  Es sind in Orgeln Verschleißteile eingebaut, die ca. alle 100 Jahre getauscht werden müssen, aber es bleiben Verschleißteile. Das eigentliche Instrument kann ein Vielfaches davon halten. Das ist manchmal schon etwas lustig, wenn man erzählt, in welchen zeitlichen Dimensionen man da plan und handelt – in unserer schnelllebigen Zeit sicher eine Skurrilität. Doch es ist durchaus etwas Schönes, so langfristig zu denken. Nicht um sich ein Denkmal zu schaffen. Trotzdem wäre es schön, wenn in 100, 200 Jahren jemand meine Orgeln anschaut und feststellt, daß sich da  jemand etwas überlegt hat, und das auch mit Hirn und Herz umgesetzt hat.



Über den Orgelbauberuf
Orgelbauer entwerfen, bauen, restaurieren, reinigen, stimmen, warten und intonieren Orgeln. Der Orgel- und Harmoniumbau ist ein handwerklicher Lehrberuf mit einer künstlerischen Komponente. Er kombiniert Handwerkstechniken der Holz- und Metallbearbeitung  mit den technischen Komponenten von  Mechanik, Pneumatik und Elektrik und vielseitigem Hintergrundwissen über Akustik, Restaurationstechniken u.a., erfordert gutes Gehör und viel Geduld. 

http://www.orgelbau-hitsch.com/ 

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