Dienstag, 5. Februar 2013

"Ich habe diesen Weg eingeschlagen und nie bereut."


Das war der 11. wegmarken.salon mit Wolfgang Bergmann.


Theologiestudium, Pressereferent der Hochschülerschaft, Öffentlichkeitsarbeit bei Caritas und Erzdiözese Wien und schließlich Geschäftsführer des "Standard". Im feierlichen Rahmen des bis zum letzten Platz besetzten Venezianischen Zimmers im Schloss Leopoldskron, berichtete Wolfgang Bergmann von seinen Wegmarken.

"Ich habe diesen eigenartigen Karrierepfad genommen, dass ich aus einer unerwarteten Richtung, nämlich aus dem Theologiestudium, im wirtschaftlichen Bereich gelandet bin. Etwas, das mir passiert ist, da wollte ich nie bewusst hin. 

Schloss Leopoldskron
Eine meiner Wegmarken ist die starke Prägung durch das Elternhaus. Ich komme aus einer sehr politischen Familie. Mein Vater war ÖVP-Politiker, Nationalratsabgeordneter, Bundesgeschäftsführer der ÖVP und immer in so einem Ping-Pong-Spiel zwischen ORF und ÖVP. Beim ORF war er auch Gründer von Licht ins Dunkel und Nachbar in Not. Und wie es halt so ist bei elterlicher Prägung, entweder man kriegt etwas mit im positiven Sinne - oder auch nicht. Zum Beispiel wird der Sohn eines Fleischhauers dann auch Fleischhauer, oder er rebelliert dagegen, also wird Vegetarier.  In meinem Fall hat mich die Arbeit meines Vaters interessiert, ich bin immer mit großen Lauscheohren an den Tischen gesessen, weil im Freundes- und Familienkreis der Eltern auch am Wochenende viel politisiert wurde, möglicherweise mehr, als gesund war.

Nach der Matura hab ich dann sogar ein bisschen spekuliert in Richtung Politik, anders als meine Freunde, die alle in Jus und Wirtschaft gegangen sind. Aber die Politik ist mir dann, Gott sei Dank, erspart geblieben. Ich hab mir damals gedacht, wenn es dich interessiert, dann mach etwas, das dich menschlich weiterbringt. Ich habe dann, eigentlich aus reinem Jux und Tollerei, begonnen Theologie zu studieren. Aus Interesse, ohne damit ein berufliches Ziel zu verbinden. Heute würd ich das als waghalsig bis verantwortungslos einstufen. Ich hab jetzt ein Problem damit, meinen Kindern zu sagen, sie sollen etwas „Vernünftiges“ studieren. Der Älteste macht eben Politikwissenschaft. 

Wolfgang Bergmann
Ich habe daher den Leitsatz: studiere das, was dich interessiert, denn das bringt dich weiter.  Und letztlich – ein Studium abgeschlossen zu haben, bedeutet ein Thema durchgearbeitet und verstanden zu haben.

Wenn man es in einem Fach zur Meisterschaft gebracht hat, kann man auch leicht in einem zweiten Fach Meister werden. Und das sehe ich beim Studium auch so. 

Dieser Gedanke ist auch im Zen-Buddhismus vorhanden.Wenn ich neue Mitarbeiter rekrutiere, ist für mich weniger wichtig, ob man im Bereich des Jobs ausgebildet ist, sondern eher, ob man generell ausgebildet ist. Ob man einmal etwas „in die Hand genommen“ hat, das scheint mir wesentlich zu sein.
 
Ich habe damals, während des Studiums, den Helmut Schüller kennengelernt, der Diözesan-Jugendseelsorger war. Und er war auf einer meiner Listen, als ich meine Sponsionsanzeigen ausgeschickt habe. Er hat mich dann angerufen und gesagt, „du, ich bin gerade in die Caritas gewechselt und wir suchen einen Pressereferenten. Und du hast das doch in der Hochschülerschaft gemacht. Theologie studiert hast du auch, das würde doch passen!“ Und es hat gepasst. 

Venezianisches Zimmer im Schloss Leopoldskron
Also bin ich in die Caritas gewechselt und hab dort den ganzen Bereich Öffentlichkeitsarbeit übernommen. Dort bin ich autodidaktisch hineingewachsen in das Thema Fundraising. Außerdem war ich neben der inhaltlichen Arbeit auch dafür zuständig, Dinge zu organisieren, Mailings zu machen, Preise zu verhandeln und zu überprüfen, ob Mittel richtig eingesetzt sind. So ist neben der inhaltlichen Arbeit von der Pike auf auch eine kaufmännische dazugekommen.

Es folgte der Wechsel von Helmut Schüller in die Erzdiözese Wien, Kardinal Schönborn hat ihn als Generalvikar geholt und ich bin halt damals mit ihm mitgekommen. So bin ich von der Öffentlichkeitsarbeit der Caritas in die Öffentlichkeitarbeit der Erzdiözese Wien gewechselt. Das war für mich der Job, in dem ich mich in der Anfangsphase am wohlsten gefühlt habe, weil er alles, was ich gelernt habe, in sich vereint hat. 

Wir haben ein Magazin gegründet, das monatlich an alle katholischen Haushalte gegangen ist und, außerdem, ein kleines, feines Projekt ins Leben gerufen, das es immer noch gibt, nämlich Radio Stephansdom. Ich war damals Gründungsgeschäftsführer.

Und da ging die Spur endgültig auseinander. Bei Radio Stephansdom habe ich mich praktisch nur mehr um den organisatorischen Bereich gekümmert und mich nicht mehr journalistisch und am Mikrophon eingebracht.  

Wolfgang Bergmann und Franz Wührer
Und als dann der Kardinal den Schüller sozusagen über Nacht als Generalvikar abgemurkst hat, war für mich klar, dass ich da nicht werde bleiben wollen und hab meine Fühler ins weltliche Geschäft ausgestreckt. Zu meiner Überraschung habe ich dann sehr bald ein Angebot vom Standard bekommen, zunächst Marketing und Vertrieb zu übernehmen. Und da hab ich dann gerne zugesagt. Der Standard war immer die Zeitung, die den Menschenrechten am nächsten war. Für mich selber hab ich die Formel gefunden: das, was mir der Standard ab und zu zu links ist, ist mir immer noch lieber als das, was mir die Presse ab und zu zu rechts ist. 

Ich hab dann diesen Weg eingeschlagen und nie bereut. 

Spannend war dabei auch zu sehen, wie die Dinge manchmal ineinandergreifen. Die Aufgabenstellung, für den Standard Abonnenten zu gewinnen, ist marketingtechnisch völlig ident mit der Aufgabe, aus einem Spender einen Dauerauftragsspender zu machen. Ich konnte da sehr viel Caritas-Know-How in den Standard einbringen, abgesehen davon, dass Medien eh manchmal eine Non-Profit-Organisation sind.

In dieser Phase ging dann plötzlich der damalige Geschäftsführer vom Standard weg und der Oscar Bronner sagte. „Wenn Sie jetzt springen möchten, dann springen Sie!“. Und ich sprang. 

Venezianisches Zimmer Schloss Leopoldskron
Das war immerhin im Jahr 2000, ich bin damit ein Methusalem  in der Tageszeitungsbranche.

Beim Standard habe ich viel mit Organisation und Zahlen zu tun, in einem Ausmaß, wie ich es nie angestrebt hätte. Es ist ganz spannend, das Rückgrat einer Organisation zu bilden, in der man mit dem Tagesgeschäft, mit der täglichen Schlagzeile, nichts zu tun hat, aber es andersherum ermöglicht und durch dieses Rahmengeben und Rückhaltgeben für eine Sache steht, die man im Einzelnen so gar nicht beeinflusst.
Man kann dasselbe für jedes Unternehmen tun. Wenn das Unternehmen dann aber auch noch eine gesellschaftliche Relevanz hat, tut man es umso lieber. Und das ist sozusagen ein kleines Stück Glück oder Privileg, in eine solche Situation zu geraten. 

Das primäre Ziel Oscar Bronners ist es, eine gute Zeitung zu machen, die lebensfähig ist und nicht ausschließlich gute Zahlen liefert. Das ist ein wesentlicher Unterschied in der kaufmännischen Betrachtungsweise, weil, gute Zahlen zu liefern, das kann auch heißen, immer noch mehr rauszuquetschen. Das „Werkl“ soll gut funktionieren, effizient sein, aber wir messen den Erfolg nicht daran, ob es im letzten Jahr ein Euro mehr war. 

Eine Frage, die einen als Theologe im Management durchaus quälen kann: man kommt nicht umhin, mitunter auch harte Entscheidungen zu treffen. So nach der Devise – kann das sein? Der ist ein Christ und kündigt mich jetzt? 

Arbeit, auch wenn sie zunächst einmal das Überleben sichert, ist etwas ganz Konstitutives des Menschseins und gehört zur Erfüllung und zum Ganz-Werden einer Persönlichkeit dazu.  Wann immer man Arbeitsplätze schaffen kann,  wo sich Menschen in dieser Form einbringen können, trägt man auch ein stückweit zu dieser Verwirklichung des Einzelnen bei. Das alles kollidiert dann halt immer mit den Interessen des Unternehmens, die ja andere sein können, als jene des Arbeitnehmers. Aber irgendwas zum „kiefeln“ muss einem ja bleiben."


Wir bedanken uns sehr herzlich bei Wolfgang Bergmann für die spannenden Einblicke in seine beruflichen Wegmarken und beim Salzburg Global Seminar für die Gastfreundschaft beim Frühstück im Schloss Leopoldskron. 

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